New work at “ARS APOCALIPSIS – KUNST UND KOLLAPS” in October 2011 at Kunstverein Kreis Gütersloh, 9th Oct. – 15th Dec. 2011

Mark Alexander’s new painting will be included in the exhibition “ARS APOCALIPSIS – KUNST UND KOLLAPS” at the Veerhoffhaus, Gütersloh Germany. Along with and inspired by Albrecht Dürer’s woodcuts Apocalipsis cum figuris: Die Heimliche Offenbarung Johannes (1497/98), Alexander is one of twelve artists invited by exhibition’s curator Malte Boecker and Henning Boecker to engage in dialogue with Dürer’s vision.

Konzept

Die Idee, den selten öffentlich zugänglichen Original Dürerzyklus mit einer Vielzahl zeitgenössischer Positionen zu kontrastieren, spielt mit dem Kabinettcharakter des Veerhoffhauses, zeigt, dass die Kunst immer wieder neue Ausdrucksformen für zeitlos gültige Themen findet und reflektiert die Möglichkeit eines nahen Weltendes als Topos des 21. Jahrhunderts.

Zur Offenbarung

Verbannt auf die griechische Insel Patmos vor Ephesus verfasst der Prophet Johannes die Offenbarung. In Briefform richtet er sich an sieben christliche Gemeinden in Kleinasien. In der Hoffnung auf den Sieg Christi sollen die Gemeinden standfest und glaubenssicher sein.

Durchdrungen von Zahlenmystik, Symbolen und Allegorien hat diese prophetischvisionäre Offenbarung Künstler vom Mittelalter bis in die Gegenwart zu eindrucksvollen
Bildvorstellungen angeregt.

Anstelle einer Einleitung

“Eine Apokalypse ist ja Gottes Art zu sagen jetzt reicht’s, ich hab da was Neues.” – Thomas Schroeren, Künstler

In seinem 2005 erschienenen Buch „Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen“ betrachtet der amerikanische Biologe und Geograf Jared Diamond beispielhaft einige Gesellschaften, sie sich selbst zugrunde richteten bis zum vollkommenen Zusammenbruch. Als ein Beispiel führt er etwa die polynesische Osterinsel an, auf der ein üppiger Palmenwald gefällt wurde, um, so die These, 900 übermannshohe Figuren aus Vulkangestein, die Moai, zu transportieren. Als derWald verschwand, setzte auf dem kleinen Eiland eine Katastrophe ein, die zum Zusammenbruch der hoch entwickelten Gesellschaft von Rapa Nui führte. Für Diamond ist dies das Lehrbeispiel einer Gesellschaft, die sich durch Übernutzung der Umwelt bzw. durch mangelnde Adaption auf eintretende Umweltveränderungen selbst zugrunde richtet. Verhaltensweisen, die über lange Zeiträume erfolgreich waren, können unter sich verändernden Rahmenbedingungen zum Kollaps führen, wenn sie nicht geändert werden.
Das erste Bild von der Erde wurde 1959 von dem Satelliten „Explorer 6“ aus dem Weltall übermittelt. Zwei Jahre später prägte Juri Gagarin nach seiner historischen
Erdumrundung einen neuen Begriff für die Erde: Der blaue Planet. Und es sollte bis 1972 dauern, bis Apollo 17 aus 45.000 km Entfernung mit „Blue Marble“ die erste Gesamtaufnahme des Planeten gelang. Dieses gerade einmal 40 Jahre alte Bild hat wie kein anderes das kollektive Bewusstsein der Weltgesellschaft für die Einzigartigkeit und Verletzlichkeit der Biosphäre geschärft: Anders als bei der Osterinsel werden nicht nur alle Menschen betroffen sein, wenn dieser Lebensraum zerstört wird, sondern wird es auch keine bewohnbaren Ersatzwelten geben, in die man ausweichen kann.

Man braucht kein Prophet zu sein, um zu erkennen, dass wir auf einem fatalen Kurs steuern. Schon heute verbrauchen 25% der Menschheit 75% der global vorhandenen
Ressourcen. Schon heute konsumieren die Menschen mehr, als der Planet hergibt und verkraftet. Wollten alle Menschen so leben wie die obersten 25% bräuchten wir, so die Berechnungen des globalen Fußabdrucks, zwischen vier bis fünf Planeten. Die Wachstumsorientierung von Wirtschaft und Politik, die wachsenden materiellen Ansprüche einer explodierenden Weltbevölkerung – bis 2050 soll sie von derzeit 7 Milliarden auf 9 Milliarden Menschen steigen- liefern die perfekten Zutaten für einen Zivilisationsbruch unvordenklichen Ausmaßes. Ein Zukunftsforschungsinstitut in Palo Alto hat denn auch in einer Computersimulation mit dem bezeichnenden Namen ‚ Global Extinction Awareness System’ bereits für das Jahr 2042 den Zusammenbruch der ökologischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Systeme berechnet. Es wächst die Sorge bis in die militärischen Planungen hinein, dass eine Krise apokalyptischen Ausmaßes das Gesicht des 21. Jahrhunderts prägen wird, weil die Art und Weise, wie wir leben, in einer Welt von 9 Milliarden Menschen an ihre Grenzen kommt. Und die Gegenwart liefert mit 9/11, mit Hurrikan Katrina, mit den Flächenbränden oder Überschwemmungen ganzer Regionen, mit dem Beinahe – Kollaps der globalen Finanz- und Wirtschaftsordnung, mit der wachsenden Staatsverschuldung, mit der Ölkatastrophe auf der Deep Water Horizon oder mit Fukushima in immer schnellerer Taktung Ereignisse, die als Vorboten einer noch unheilvolleren Zukunft verstanden werden können. Im worst case geht die zunehmende Ressourcenverknappung mit einem katastrophalen Klimawandel, akuten und anhaltenden Ernährungskrisen einher
und führt dazu, dass Politik nicht mehr rational berechenbar bleibt und Kriege mit globaler Reichweite entfacht. Es ist diese wachsende Einsicht in die nicht nachhaltige Lebensweise der Menschheit, die der Ästhetik der Apokalyptik, die seit 2000 Jahren über unserer Kultur liegt, wieder ein besonders starkes Interesse verschafft. Die steigende Zahl der apokalyptischen Hollywoodproduktionen ist ein verlässlicher Indikator. Roland Emmerich, ein deutscher Regisseur und Filmproduzent, gilt als erfolgreichster Vertreter kollektiver Katastrophenfilme und legte mit Independence Day (1999), The Day After Tomorrow (2004) und 2012 (2009) gleich mehrere Blockbuster dieses Genres vor.

Eine apokalyptische Metaphorik durchzieht ferner die Literatur. Beispielhaft können Sachbücher wie „Welt ohne uns“ von Alan Weisman (2007), „Das Ende der Welt
wie wir sie kannten“ von Claus Leggewie und Harald Welzer (2009), sowie dystopische Romane wie Dmitri Glukhovsky‘s „Metro 2033“ (2008) über die Überlebenden
nach einem Atomkrieg, oder „Der Wiederträumer“ (2009) von Nil Baram genannt werden, in dem Tel Aviv allmählich untergeht. Eine Ästhetik der Apokalypse ist auch in der bildenden Kunst der Gegenwart nicht zu übersehen und gab den Ausschlag, mit der Gruppenausstellung „Ars Apocalipsis – Kunst und Kollaps “ verschiedene zeitgenössische Positionen mit der Kunst und der Zeit Dürers, dem „apokalyptisches saeculum“, in Beziehung zu setzen. Im direkten Vergleich mit Dürers Holzschnittfolge „Apocalipsis cum figuris“ von 1498, der wohl eindrücklichsten und prägendsten Bildfindung der Kunstgeschichte zur biblischen Offenbarung des Johannes, weist das apokalyptische Vokabular der Kunst der Gegenwart teils übereinstimmende, teils völlig eigenständige Ansätze auf. Das sollen drei Beobachtungen unterstreichen:
Apokalyptische Phantasien reagieren zumeist auf konkrete historische Ereignisse. So bezog sich Dürer auf den Donnerstein von Ensisheim (1492 schlug im Elsass
ein stattlicher Meteorit mit 127 kg Restmasse ein), sintflutartige Regenfälle seiner Zeit oder die Kreuzzüge gegen die Türken. Vergleichbare Bildgegenstände finden sich in der Gegenwart in den Taifunen, Tsunamis, Nuklearkatastrophen oder in den zum Kampf der Kulturen erklärten Konflikten unserer Zeit. Anders als bei Dürer spielt aber der Dualismus von Gott und Satan, von Christ und Antichrist in der Kunst der Gegenwart nicht mehr eine so bestimmende Rolle. An die Stelle der biblischen Gestalten treten der Mensch und die Orte des menschgemachten Zivilisationsbruches. „Apokalypse ist man made, nicht god made“ bringt es der Künstler Klaus Auderer auf den Punkt. Denn der Mensch ist mit seinen Lebensstilen, Konsumgewohnheiten und Technologien selbst zur größten gestaltenden Kraft des Planeten Erde geworden, die längst die Dimension von globalen Naturgewalten erreicht hat. Mehr als drei Viertel der Landoberfläche gelten bereits durch menschliche Aktivität als umgestaltet. Mit der Industriellen Revolution begann zudem das Verbrennen fossiler Brennstoffe, das die Zusammensetzung unserer Atmosphäre nachhaltig verändert und die Gefahr eines katastrophalenKlimawandels herauf beschwört.

Der Mensch reguliert einen Großteil der Süßwasserversorgungswege, plündert die Weltmeere, beeinflusst die Artenvielfalt der Welt oder greift massiv in Stickstoffoder
Phosphorkreisläufe ein. Der Mensch hat sich zur Hauptfigur einer neuen Erdepoche emporgehoben. Der Nobelpreisträger Paul Crutzen spricht vom anbrechenden
„Anthropozän“. Christian Schwägerl übersetzt dies in seinem 2010 erschienenen Sachbuch mit „Menschenzeit“ und geht dabei der Frage nach, ob der Mensch, der die Erde beherrscht, auch sich selbst beherrschen könne? Schließlich erfahren auch die Themen des neuen Himmels und der neuen Erde, die im biblischen Text mit der Metapher des himmlischen Jerusalems verheißen werden, eine neue Deutung. Ein Happy End, wie es in der Bibel für die Gläubigen angelegt ist, scheint in der säkularisierten Lesart der Apokalypse weniger gewiss denn je zuvor. Die Zukunfts- und Weltentwürfe, die sich in der Kunst der Gegenwart ausmachen lassen, sind eher abstrakter Natur. Sie lassen nur erahnen, dass nach einem neuen System des Zusammenlebens, einer neuen Balance gesucht wird. Dass dies eine Welt ist, die andere Antworten finden muss, als das materielle Wohlstandversprechen der westlichen konsumorientierten Welt, lässt sich aus vielen künstlerischen Ansätzen herauslesen.
Hier erfüllt die säkularisierte Ästhetik der Apokalypse zu Beginn des 21. Jahrhunderts ihre eigentliche Funktion, die sich deutlich von den Zeiten der Vormoderne
unterscheidet: Sie reflektiert das Dilemma eines Entwicklungspfades, der Fortschritt verspricht, aber die Grundlagen der Lebensqualität, des Miteinanders und sogar der Überlebensfähigkeit zunehmend erodiert. Ihre Botschaft ist nicht das Durchhalten bis zur ersehnten Erlösung von den Übeln der Welt, sondern die Transformation und Überwindung der dominanten Lebensmodelle. Ganz im Sinne von Tancredi aus Visconti’s „Der Leopard“: alles muss sich verändern, wenn alles so bleiben soll, wie es ist.
MB
Juli 2011

>