Der schwarze Titan

Stielers Beethovenporträt
Der schwarze Titan
Von Thomas Kliemann

Im Allerheiligsten des Beethoven-Hauses hängt sie, die “Mona Lisa des Hauses”, wie der Direktor der Institution, Malte Boecker, das Porträt Ludwig van Beethovens von Joseph Karl Stieler bezeichnet.

Zwischen 1819 und 1820 hat er es gemalt und schuf damit die Beethoven-Ikone schlechthin, an der sich nicht nur das 19. Jahrhundert in seiner Begeisterung für den Bonner Tonsetzer und Titanen berauschte, sondern von der sich auch Generationen von Künstlern inspirieren ließen. Andy Warhol, der das Pop-Art-bunt aufgepeppte Stieler-Porträt mit den Noten der Mondscheinsonate überzog – eine Version des Original-Siebdruckes hängt im Bonner Kammermusiksaal -, ist der vielleicht prominenteste Nutzer von Stielers Bildidee.

Dass dieses Bild, eines der wenigen zeitgenössischen Porträts Beethovens, so populär war, hat seine Gründe. Komposition und Technik sind exzellent, der idealisierte Typus des nonkonformistischen Musikers traf den Nerv der Zeit und legte, was sicherlich historisch zu eindimensional ist, Beethoven auf die Figur des visionären Tonhelden fest. Der blickt in Stielers Porträt leicht nach oben in Richtung höherer Erleuchtung. Die Mähne ist wild, der Hemdkragen offen, ein rotes Tuch schlingt sich flott um den Hals; der Maestro hat ganz entgegen der Etikette (die bei offiziellen Bildnissen auch die Perücke vorsah) einen schlichten Hausmantel an. Das Umfeld ist kein repräsentatives Interieur, sondern die freie Natur. Der Meister arbeitet gerade an der “Missa solemnis”, genauer am “Credo”, was dem Bild gleich etwas Sublimes, Bekenntnishaftes gibt. Es lohnt sich immer, Stielers Meisterporträt genau zu studieren.

Das hat auch der Maler Mark Alexander getan, ein 1966 geborener Brite, der ein Jahr lang in Bonn verbracht hat, um sich neben dem Rechercheprojekt “German faces” Stielers Beethoven zu nähern und dabei seinen eigenen Beethoven zu entdecken. Wer seine fünf Versionen des Stieler-Porträts im Entree des Kammermusiksaals sieht, steht zunächst vor schier unlösbaren optischen Aufgaben. Alexander hat die Bildnisse in “fünf bis sechs” Schwarzabtönungen über eine Bleistiftzeichnung gemalt, jedes unterscheidet sich in feinsten Nuancen vom anderen. Der aktive Betrachter wechselt den Blickwinkel so lange, bis das charakteristische Beethoven-Gesicht wie ein entferntes Hologramm aufscheint.

“Seine Musik ist nicht einfach, da muss auch ein Porträt komplex, schwierig sein”, sagt der Maler, der die kaum durchdringbare Schwärze mit der Dunkelheit des Universums vergleicht. Da und sonst nirgends sieht er Beethovens Größe verortet. Alexander erzählt, wie er das Bild quasi blind malte, weil man das Ergebnis erst sehe, wenn die Farbe getrocknet sei. Möglich, dass das eine Parallele zu Beethovens Krankheit sei, der zuletzt auch komponierte, ohne hören zu können. “Ich suche die Quintessenz Beethovens in einem metaphysischen Sinn”, sagt der Künstler, der auch Caspar Davids Friedrichs berühmte Rückenfigur “Der Wanderer über dem Nebelmeer” in Dunkelheit gehüllt hat – das Bild hängt in Boeckers Büro. Auch hinter den Geist von van Goghs “Dr. Gachet” versuchte er malerisch zu dringen.

Indem er seinen Beethoven schwarz in schwarz malt, nähert er, der besonders die Sonaten des Meisters schätzt, sich ihm, ohne zu viel von dieser intimen Zwiesprache und gewonnenen Einsichten zu verraten. Alexander spricht von tiefen Emotionen, von eigenen Befindlichkeiten, die er gespiegelt sieht, und gleichzeitig von einer großen Unnahbarkeit, die sich in der Serie “Credo 1 bis 5″ in weitgehender Schwärze ausdrückt. Einem der “Credos” hat Alexander Tränen unter die Augen gemalt – Zeichen für emotionale Ergriffenheit. Oder ist das ein ironischer Seitenhieb auf übersteigerte Verehrung? Manchmal weinen angeblich auch Marienbildnisse.

Alexander, der zurzeit mit Großformaten im Berliner Bode-Museum in der Schau “Das verschwundene Museum” vertreten ist, wird dem Beethoven-Haus ein “Credo” übergeben und damit die exquisite Bonner Sammlung von Beethovenbildnissen ergänzen.

Mark Alexanders Bilder sind vor Konzertveranstaltungen im Kammermusiksaal zu sehen. Am 13. April werden sie offiziell präsentiert. Der Maler wird ein Werk übergeben

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