Leuchtend in der Dunkelheit / Malcolm Bull

Malcolm Bull

Leuchtend in der Dunkelheit

Können die wahrhaft Gerechten vom Licht zehren?

William Cowper formulierte in The Shining Light, eine der Olney-Hymnen:

„Ich sehe oder denke ich sehe,
Ein Schimmern aus der Ferne;
Ein Strahl des Tages, der für mich scheint, Um mich zu schützen vor dem Verzagen.

Vorbote der Sonne,
Er zeigt dem Pilger den Weg;
Ich werde auf ihn blicken, während ich laufe Und dem kommenden Tag entgegensehe.“

Ist es Orion, der blinde Riese, der in Poussins Gemälde zur Sonne geleitet wird? Oder der Psalmist des De profundis, wartend wie die Wächter auf den Morgen? Celan läuft ihm entgegen, den gleichen Text lesend.

„Kam, kam.
Kam ein Wort, kam,
kam durch die Nacht,
wollt leuchten, wollt leuchten.“

Und ihre Umarmung: „Asche“, „Nacht“. In einem weiteren Gedicht der Olney-Hymnen, Light Shining out of Darkness, schrieb Cowper Tage vor einem Depressionsschub im Jahr 1773, Gott „setzt seine Schritte über das Wasser / und reitet auf dem Sturm“. Aber in seinem letzten Gedicht The Castaway, verfasst am 20. März 1799, heißt es:

„Keine göttliche Stimme hat den Sturm gemildert, Kein Licht leuchtete gnädig.“

Cowpers Epitaph, von Celan verfasst: „Licht war. Rettung.“

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Giorgio Agamben sieht diese Dunkelheit als Übersteigerung des Lichts: Celans Lichtzwang als erzwungene Erhellung. Nach seiner Aussage „zehren die wahrhaft Gerechten nicht vom Licht“; laut Celan müssen Dichter vielmehr „auf Licht fasten“:

„Schlag die
Lichtkeile hinweg:
das fließende Wort gehört der Dämmerung“

Kiefers Lichtzwang ist der Nachthimmel. Aber für Celan gilt: „die Nacht ist die Nacht, sie beginnt mit dem Morgen“. Auf Licht verzichtend wird der Dichter die „Schwarze Milch der Frühe“ zurückweisen.

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Laut Vasari waren die Künstler vor Michelangelo weiter von der Wahrheit entfernt als Dunkelheit vom Licht; und der Himmel der Sixtinischen Kapelle war das Licht, das eine für Jahrhunderte in Finsternis versunkene Welt erhellte. Aber dieses Licht war auch Dunkelheit; Michelangelo demonstrierte der Welt, wie Vasari schrieb, „Licht und Schatten“ gekoppelt wie die Figuren von Tag und Nacht, Morgen und Abend. In Wahrheit waren sich Dunkelheit und Licht näher als irgendjemand vermutet hätte.

Hell-Dunkel-Malerei war das Stichwort für die wiedererschaffene tatsächliche Gegebenheit der Welt. Jedoch war es nur das Helle, welches das Strahlen der Schönheit enthielt: die Idee, die durch das Einzelding, den Gegenstand, hindurch scheint. In Heideggers Verständnis von Platon ist die Idee lediglich das reine Sein des Erscheinenden im Sinne von „die Sonne scheint“, das Einzelding macht die Wirklichkeit aus. Aber die Idee ist es, die uns erst den Blick auf das sichtbare Objekt der Sinneserfahrung erlaubt, das wahrhafte „Helldunkel“ der Welt. Und darüber hinaus ermöglicht die Idee der „Ideenlehre“ die Teilhabe aller Sinnendinge, die leuchten, an der Idee des „Leuchtens an sich“. Dieses Urbild ist das „am hellsten leuchtende Sein“, eine metaphysische Realität.

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Verzichtet er auf Licht, ist der Künstler ausgehungert, der Ideen beraubt. Eine Spezialität des Tenebrismus waren die Formungen. Balthus schwebte eine „für ihre eigene Dunkelheit offene Welt“ vor, damit sie besser das Licht empfangen könne. Für ihn ist Malerei „ein Mittel, dem Geheimnis Gottes näherzukommen, etwas Glanz aus seinem Königreich zu gewinnen“.

Schwelgt er im Licht, ist der Künstler geblendet. Die Ideen verzerren sich, zerstören die Erfindung der Welt, radieren Gottes Schritte aus dem Wasser. In der gegenständlichen Dunkelheit ist das „am hellsten leuchtende Sein“ Koons‘ Rabbit.

Kunst wird zu dem, wofür es Platon hielt: die Nachahmung eines Gegenstands, der selbst schon Abbild ist. Eine Dunkelheit, die in die Welt gekommen ist: die Nicht-Idee der nicht Ideen.

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Mark Alexander nimmt einen leuchtenden Moment und löscht ihn durch Wiederholung aus. Seine Leistung besteht darin, dass diese Bilder immer noch frei von Ideen sind. Es ist schwierig zu arbeiten, ohne irgendetwas zu erzeugen – beinahe unmöglich die Nacht hindurch zu arbeiten, ohne von der Morgendämmerung begrüßt zu werden.

Wirf die Tür des Morgens auf, Ra – dort schimmert an
der rechten Ecke deines Mundes der 16. Psalm –

Und während er seinen Mund öffnet, lesen wir die Worte:

„Il mattino ha l’oro in bocca Il mattino ha l’oro in bocca
Il mattino ha l’oro in bocca
Il mattino ha l’oro in bocca…“
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Übersetzung: Nicole Kämpken

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